Wir haben das Internet zerstört! Ja, DU bist Schuld!

The Internet is dead!

Es ist tot!
Nach Monaten der Ankündigung haben wir es endgültig geschafft. Nach 25 Jahren ist das freie Internet getötet. Ja, wir tragen alle Schuld daran. 

Das Internet ist ein fantastisches Medium, dass Dinge möglich machen, die noch vor wenigen Jahren in den Bereich der Science-Fiction anzusiedeln waren.
Mit Skype können wir weltweite Videotelefonate durchführen, YouTube erzeugt weltweite Phänomene wie Gangnam Style, Facebook verändert die Art wie Menschen miteinander kommunizieren und Dienste wie Netflix fangen an neu zu definieren wie wir TV-Inhalte und Filme konsumieren.
Unglaublich, was sich alleine in den letzten 10 Jahren getan hat.
All das ist bald vorbei, zumindest in der EU.

Unser lieber EU-Kommissar Oettinger, danke dafür liebe CDU, hat heute die neuen Regeln für das Internet verkündet. In seinem Tweet kündigt er fröhlich das „Ende von Roaming-Gebühren und der Netzneutralität“ an.
Keine Roaming-Gebühren? Ja klingt klasse, aber es ist noch immer extrem lächerlich, dass wir noch immer über solche Dinge sprechen müssen, wenn ich selbst aus den USA billiger nach Belgien telefoniere als von Aachen aus.

Doch was ist denn da mit der Netzneutralität?
Einfach gesagt bedeutet das, dass Internetanbieter, wie die Telekom oder Vodafone, kein Datenpaket besser behandeln dürfen als andere. Ein Internet ohne Diskriminierung.
Die Telekom durfte ihre eigenen Videodienste mit dem Namen „Entertain“ nicht besser behandeln als die der Konkurrenz. 
Das ist besonders wichtig bei Diensten, die viel Bandbreite nutzen, die beispielsweise YouTube, Spotify, Netflix oder dem halb-legalem Streamen auf Seiten von KinoX und Konsortien. Einen ausführlichen Artikel findet ihr hier und unten in der Link-Sektion.

Genau das wird aber abgeschafft. Während Oettinger sich auf Twitter selbst bejubelt und die Sicherung des „offenen Internets“ verkündet spricht sein Bericht eine andere Sprache.
Ja auch hier wird selbstverständlich zugesichert, dass grundsätzlich kein Dienst von einem Internetanbieter besser behandelt wird als der der Konkurrenz.
Genau, „grundsätzlich“.
Jeder Jurist wird jetzt schon nervös auf dem Stuhl hin und her rutschen, denn „grundsätzlich“ bedeutet, dass es immer Ausnahmen gibt. So auch hier.
So ist es beispielsweise erlaubt, dass „Spezielle Dienste“ eben doch besondere Regeln haben. Beispielsweise Dienste aus dem Bereich von IP-TV, also dem Fernsehen über das Internet. Passenderweise fällt genau darunter der „Entertain“-Dienst der Telekom. Diese darf nun Konkurrenten in Zeiten von hoher Internetnutzung drosseln. Die Nutzung ist natürlich genau dann hoch, wenn viele Leute vor dem Rechner sitzen, sprich nach der Arbeit. Guckt man nun online Fernsehen, darf der Internetanbieter vom Anbieter des Online-Fernsehens extra Gebühren verlangen, damit der Video-Stream richtig läuft.
Diese Gebühren fallen für „Entertain“ in diesem Beispiel weg. Hier schiebt die Telekom ja ihr Geld nur von der linken in die rechte Hosentasche. 

Doch auch außerhalb dieses Horror-Szenarios werden es Startups in Zukunft richtig schwer haben. Es ist nun erlaubt ein so genanntes „Zero Rating“ anzubieten.
So bezahlt Spotify derzeit beispielsweise die Telekom dafür, dass die Musik, die der Nutzer über den Dienst hört nicht in das Datenvolumen gezählt wird. Ich kann also als Telekomkunde Gigabyte-Weise Musik bei Spotify streamen. Nutze ich einen Konkurrenten, wie Ampaya aber auch das neue AppleMusic werden die Daten gegen mein Datenvolumen gerechnet. Spotify kauft sich so also einen Marktvorteil.
Kleinere Startups, die vielleicht einen besseren Dienst haben, aber nicht das Geld um Spotify bei der Telekom auszustechen gucken in die Röhre. 

Das gleiche gilt auch für andere Dienste. Würde MyVideo nicht in mein Datenvolumen zählen, gäbe es ja für mich als Kunde keinen Grund noch Videos bei YouTube zu gucken, selbst wenn ich es dort lieber gucken würde.
Nicht vergessen, „grundsätzlich“ ist eine „bezahlte Bevorzugung“ nicht erlaubt.
Fragt mich nicht, wo der Unterschied zu diesen „Zero Ratings“ sein soll.
Zwar wird hier ein Datenpaket nicht schneller verarbeitet als ein anderes, doch in der Konsequenz werden Dienste wie Deezer nach der Drosselung nicht mehr nutzbar. Ähnlich wie bei „paid prioritized services“ wird rein durch den Internetanbieter ein Service gegenüber einem anderen bevorzugt. 

Anfangs klingt das ja vielleicht alles nur halb so schlimm.
„Na und? Gehen halt ein paar kleine Unternehmen den Bach runter. Ich muss zumindest nicht für die Daten zahlen!“ So oder so ähnlich tönt es mir häufig entgegen.
Absoluter Unsinn. Solange Spotify für die bessere Behandlung zahlt, wird das Unternehmen sich das Geld irgendwann wieder bei uns, den Kunden, zurückholen.
Gleichzeitig sind Startups zum echten Motor der Wirtschaft geworden. Wir in Deutschland haben diesen Trend genüsslich verschlafen, aber in den USA erreichen die Top10 der Technik-Unternehmen den Wert aller DAX-Unternehmen zusammen. Heutige Startups sind die zukünftigen DAX-Unternehmen. Wir in der EU gucken jedoch seit Jahren neidisch ins Silicon Valley und wünschen uns mal ein Europäisches Facebook, Google oder Uber zu haben. Mit den Gesetzen wird das allerdings unmöglich sein. Vielmehr werden global genutzte Dienste wie DubMash oder das Milliarden-Startup SoundCloud massive Probleme durch die neunen Regeln bekommen. Es sind also durchaus Arbeitsplätze gefährdet. 

Die USA sind dabei ein gutes Thema. Auch dort wurden in diesem Jahr Regeln zur Netzneutralität veröffentlicht. Diese sehen grundsätzlich anders aus. Spezielle Dienste, wie sie es nun in der EU geben wird, gibt es nicht. Alle Daten müssen tatsächlich gleich behandelt werden. „Zero Rating“ ist nicht legal und wenn auf einem Handyvertrag „Flatrate“ steht muss diese auch drin sein.
In den USA hat sich die Öffentlichkeit extrem gegen die massive Einschränkung der Netzneutralität eingesetzt und sogar die Server der dortigen Kommission lahm gelegt. Die faulen Nutzer hier schein das nicht zu interessieren. Ja ich bin sauer und zwar auf genau dich. Technik/Gaming-Interessiert, aber nichtmal 5 Minuten Zeit genommen um eine Mail an deinen EU-Abgeordneten zu schreiben, geschweige denn die Petition bei Change.org zu unterstützen.

Es ist beschämend wie sehr sich Herr Oettinger ganz offensichtlich von der Lobby der Internetanbieter hat einspinnen lassen. Das nun vorgelegte Papier klingt so, als wenn es direkt auch der Telekom-Zentrale in meiner wunderschönen Heimatstadt Bonn gekommen wäre.
Schon bei der Benennung Oettingers zum EU-Kommissar für Digitalwirtschaft ernannt wurde. Laut eigener Aussage hatte er nämlich keine Ahnung von der Materie. Natürlich ließen sich die Internetanbieter das nicht 2 Mal sagen und haben ihm heftig ihre Sicht der Dinge eingebläut. Das glaubt ihr nicht?
Na dann werft mal einen Blick auf die Seite von Transparancy International, die seine Termine auflistet. In der Top10 finden sich 5 Internetanbieter und ansonsten nur große Medienunternehmen, die die Internetrevolution verpennt haben und sich nun in den Markt einkaufen können. Einzige Ausnahme ist Microsoft. Ebenfalls ein riesiger Konzern, der die Extra-Kosten locker tragen kann. 
Bravo Herr Oettinger, bravo!

Links:
Netzneutralität – Ist das wichtig, oder kann das weg?
Faktenüberblick der EU-Kommission (EN)
Regeln für das offene Internet in den USA (EN)
Transparency International (EN)
Petition: Change.org

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