Mirrors Edge: Catalyst Test – Eine lange, schwere Bewertung

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Mit Mirrors Edge: Catalyst veröffentlicht EA einen zweiten Teil zu einer seiner innovativsten Marken. Der Hype und den Namen war groß und die Angst der alten Fans vor einer „Casualisierung“ auch.

EA und die Battlefield-Macher von Dice haben den Sprung in das neue Jahrzehnt versucht. Bei der Landung straucheln sie aber. Ein alter Mirrors Edge Fan sagt euch warum. Ich habe den ersten Teil von Mirrors Edge geliebt. Es war so innovativ und mutig. Ein Spiel aus der Ego-Perpektive ohne Schusswaffen aber mit Kämpfen, die allerdings nur die absolut letzte Lösung waren. Sprungpassagen wie in einem Tomb Raider, aber aus der Ego-Perspektive. Irgendwie passte das Spiel in keine Kategorie. Gleichzeitig war es mit Assassins Creed das erste Spiel um die Trendsportart Parkour. Die Story war zwar eher unwichtig dafür überzeugte der Stil und die Atmosphäre so sehr, dass das Spiel auch heute noch gut aussieht. Das Spiel machte es sehr klar, dass hinter den perfekten Passagen so einige dunkle Geheimnisse schlummerten. Ich habe das Spiel sowohl auf der PS3 als auch auf dem PC gleich mehrmals durchgespielt. Daher habe ich mich als alter Fan mehr als gefreut, dass das eher mittelmäßig erfolgreiche Spiel einen Nachfolger bekommt.

 

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Was Hänschen nicht lernt…

Der wohl größte Schwachpunkt beim ursprünglichen Mirrors Edge war die Story. Nach einem gelungenen Anfang und wirklich coolen Zwischensequenzen im Comic-Stil. Hier hätte Catalyst also massiv Punkten können. Doch leider stolpert die Story teilweise vor sich hin. Die grundsätzliche Konstellation von bösem Magnat, der sich die Welt unterjochen will, ist nicht wirklich neu. Auch die Twists in der Geschichte sind durchaus vorhersehbar und Faith bleibt irgendwie unnahbar und uninteressant. Gern hätte ich die im Vorgänger angedeuteten Revolte gesehen. Den Weg hin zu einer Gesellschaft auf perfekten weißen Hochhäusern und blitzenden Glasfassaden wäre unfassbar interessant gewesen, doch die Inszenierung verpasst es dem Plan des Antagonisten wirklich eine Bedrohung zu geben. Es bleibt eben alles ungreifbar und berührt den Spieler nicht. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Geschichte schlecht ist. Sie ist einfach nur uninspiriert und wird niemandem lange im Gedächtnis bleiben.

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Schnell, schneller – halt Stop!

Natürlich lebt in Mirrors Edge nicht von der Geschichte, sondern vom Gameplay und der Atmosphäre. Catalyst macht hierbei sehr viel richtig. Die Steuerung von Faith geht nach ein wenig Übung klasse von der Hand. Das Ganze klappt dabei sowohl mit Maus und Tastatur als auch mit dem Gamepad sehr gut. Als alter Hase bin ich schnell in den berühmten Flow gekommen, der den ersten Teil so einzigartig gemacht hat. Nach einigen Stunden Spielzeit kennt man einige Passagen sehr gut und die Spielwelt fliegt nur so an einem vorbei, während man elegant an Wänden läuft, sich über Hindernisse schwingt oder mit ordentlichem Anlauf über einen klaffenden Abgrund springt um sich danach bei der Landung abzurollen um bloß keine Geschwindigkeit zu verlieren.

Mirrors Edge: Catalyst trifft exakt das alte Spielgefühl in 90% der Zeit und schafft es sogar das Bewegungsrepertoir zu erweitern. Die neuen Möglichkeiten gehören leider teilweise auch zu den 10%, die nicht so gut funktionieren. Die neuen Fähigkeiten, die besonders durch den neuen Greifhaken eingeführt werden sind nicht gut implementiert. So muss ich an manchen Stellen mit dem Greifhaken Wellbleche herunterziehen, Plattformen aus der Wand ziehen oder mich an dem Seil hochziehen um große Höhenunterschiede zu überwinden. Solche Mechaniken bringen einen selbst immer wieder dazu anzuhalten, neu Anlauf zu nehmen und zerstören nachhaltig den berühmten Flow. Hierunter leiden besonders die späteren Abschnitte des Spiels, was mich dazu verleitet diese Gebiete nach dem Abschluss der Story fern zu bleiben.

Eine angenehme Ausnahme von den eher störenden neuen Features ist die Möglichkeit sich um Ecken zu schwingen, was sich unglaublich cool anfühlt, und mit dem Greifhaken über große Abgründe zu schwingen. Beides unterstützt den Geschwindigkeitsrausch anstatt ihn zu unterbrechen. Eine weitere Unterbrechung sind die Kämpfe. In Catalyst ist die Protagonistin Faith niemals bewaffnet. Anders als im Vorgänger lassen sich nicht mal mehr die Waffen der besiegten Gegner aufnehmen. Dennoch ist der Kampfaspekt im aktuellen Serienteil deutlich stärker betont als im Original. Das Kampfsystem wirkt dabei eher taktisch und langsam. Im Kämpfen fokussiert man sich auf einen Gegner, obwohl die anderen weiterhin angreifen können, und tanz umeinander herum um auszuweichen und im richtigen Moment zuzuschlagen. Entfernt erinnert es an Dark Souls. Setzt man die richtigen Treffer fühlen sie die Schläge angenehm wuchtig an und Faith führt hin und wieder sogar Finisher aus.

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Zugegeben, an den meisten Gegnergruppe rauscht man am Besten eh vorbei wie der Wind und dort stört das langsame, taktische Kampfsystem den Flow eben auch nicht. Doch Catalyst schmeißt den Spieler immer wieder in Arenen, wo man keine Chance hat ohne Kampf herauszukommen. Ebenfalls neu und in meinen Augen fragwürdig ist das neue Erfahrungssystem. Durch abgeschlossene Missionen, erfolgreiche Fluchten vor Gegnern oder erledigen von kleinen Aufträgen erhält Faith Erfahrung, die man nach und nach in Verbesserungen stecken kann. Mich als Veteran hat dieses nervige und sinnlose Feature zu einigen ärgerlichen Toden geführt. Dice hat sich nämlich dazu entschieden auch einfache Bewegungen, wie das Abrollen nach einem Sprung oder das schnelle Umdrehen als freischaltbare Fähigkeit zu klassifizieren. Wie unfassbar dumm, mir fällt einfach kein besseres Wort ein, das in einem Spiel ist, dass von dem Gefühl der Bewegung lebt, steht außer Frage. Das Gameplay schwankt insgesamt also zwischen großartig und fragwürdig. In den richtigen Bezirken der Open World, kann ich endlos neue Wege finden, mich elegant und flink durch die Spielwelt bewegen und dem Rausch der Geschwindigkeit erliegen. In den schlimmsten Momenten bin ich in einem relativ kleinen Raum zusammen mit zwei brutal schweren Gegnern gefangen. Das Zeug zum Freischalten hat mich erst geärgert und war mir egal, sobald ich mein komplette Bewegungsrepertoir wiedererlangt hatte.

 

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Mit Open World ist alles besser

Widmen wir uns der Open World und den Bezirken. Die Stadt aus Glas, in der Mirrors Edge spielt, besteht eben aus mehreren Bezirken, die der Spieler nach und nach freischaltet. Diese sind dabei erfreulich unterschiedlich, was sich sowohl optisch als auch spielerisch auswirkt. Die Dächer vom Anfang sind beispielsweise deutlich leichter zu meistern als eine Baustelle, wo man gefühlt alle 2 Meter falsch abspringen kann. Ich kann dabei auch immer wieder nur die tolle Farbgebung der einzelnen Bezirke und die fantastische Atmosphäre in der Welt betonen, die so geschaffen wird. Schade ist, dass einer der schönsten Abschnitte nicht frei begehbar ist. Wie ich bereits geschrieben habe stört dabei leider immer wieder der Greifhaken, der mich komplett aus meinem Flow holt, mich verlangsamt oder gar anhält.

Überall in der Welt verteilt befinden sich zudem kleine Herausforderungen, die auch von anderen Spielern erstellt werden können. Was anfangs noch motiviert, nervt aber schnell. Egal ob es die Nebenaufgaben vom Spiel sind, oder die Challenges der anderen Spieler. Es geht immer nur darum innerhalb eines Zeitlimits von A nach B zu kommen. Diese Variantenlosigkeit rettet auch meine Leidenschaft keine 2 Stunden über den Abspann hinaus. Die einzige Ausnahme ist die Einnahme von Kommunikationsknoten, die schwer bewacht sind und dessen Deaktivierung immer eine spannende Verfolgungsjagt mit einem Helikopter und anderen Gegnern auslöst. Für eine Erfolgreiche Flucht bekommt man nicht nur Erfahrungspunkte, sondern auch einen neuen Schnellreisepunkt.

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60 Frames ein Muss

Technisch hat mich Mirrors Edge beeindruckt. Ja Dice hat natürlich seine neuste Version der Frostbite-Engine verbaut und die hat schon in Star Wars: Battlefront eine fantastische Arbeit geleistet. Catalyst ist fraglos hübsch, mit toller Beleuchtung und einer wirklich fantastischen Skybox. Besonders die glänzenden Glasoberflächen überzeugen und die fantastischen Unschärfeeffekte lassen jede DSLR im regen stehen. Zugegeben, der minimalistische Stil hilft der Optik und lässt sogar das alte Mirrors Edge auch heute noch gut aussehen. Extrem wichtig für das Spiel ist eine hohe Bildrate. Es gibt wohl kaum ein Spiel, dass so eindeutig den Vorteil von 60 Bildern in der Sekunde aufzeigt, wie die Mirrors Edge Serie. Vorbildlich ist daher, dass auch die Konsolenversionen so viele Bilder pro Sekunde darstellen können. Das bezahlen die technisch nicht mehr taufrischen Konsolen zwar mit niedrigeren Auflösungen, schlechteren Texturen und einer mieseren Kantenglättung, doch keine Version sieht schlecht aus und bei Mirrors Edge ist jeder zusätzliche Frame eh Gold wert. Abstürze und Bug sind uns glücklicherweise nicht aufgefallen.

 

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Fazit

Ja, Mirrors Edge hat mich zufrieden gestellt, aber nicht vollkommen. Meine schlimmsten Befürchtungen sind nicht wahr geworden. Es ist und bleibt ein klasse Gefühl mit Faith durch die Stadt zu hetzen und ich muss sagen, dass ich den Ansatz der Open World in diesem Spiel mag. Immerhin verbringe ich noch immer Zeit damit einfach durch die Stadt zu hüpfen. Wirklich vom Hocker gehauen hat es mich leider auch nicht. Ja, Grafik und Atmosphäre stimmen, aber die neuen Features sind fast alle eher mies und die Story, wie im ersten Teil, eher zu vergessen. Wer den ersten Teil mochte, kann auch mit Catalyst sehr zufrieden werden. Wer schon immer mit dem Vorgänger geliebäugelt hat, bekommt mit Catalyst den perfekten Einstieg in die Stadt auf Glas. Mirrors Edge: Catalyst ist ein gutes Spiel, dass genau dort glänzt, wo der Vorgänger auch glänzte, aber nichts Gutes neu hinzufügt.
Die Bewertung des Spiels ist mir daher sehr schwer gefallen. Ich liebe den ersten Teil und Catalyst macht all das was mich damals so faszinierte genauso gut, nur eben größer und schicker. Dennoch bin ich nicht komplett überzeugt, weggehauen, überwältigt. Vielleicht hat sich mein Anspruch verändert, vielleicht ist Catalyst aber dann doch zu sehr auf den Massenmarkt und zu wenig auf den damaligen Fan zugeschnitten. Wie ihr merkt fällt es mir auch jetzt, nach knapp 50 Stunden Spielzeit, noch immer schwer eine endgültige Kaufempfehlung abzugeben.
Wer neugierig ist, der kann zuschlagen. Ganz oben auf der Liste sollte Catalyst aber bei keinem Spieler stehen, der sich das Spiel aufVorfreude nicht schon geholt hat. 

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