Mark Zuckerberg lacht sich ins Fäustchen: Facebook wird sich nicht verändern

Seitdem bekannt wurde, dass Facebook Millionen von Kundendaten geklaut wurden, steckt das soziale Netzwerk in der Krise – wird zumindest immer behauptet. Doch da liegen viele falsch. Die Plattform wird sich kaum verändern und Facebook Chef Mark Zuckerberg weiß das ganz genau.

Der Aufschrei war groß, nachdem bekannt wurde, dass die Analysefirma Cambridge Analytica Millionen Facebook-Kundendaten geklaut hatte: Datenschütze fühlten sich bestätigt. Politikern fiel mal wieder wie Schuppen von den Augen, dass man doch dringend schärfere Gesetze bräuchte. Die Medien hatten endlich handfeste Beweise, um gegen Facebook zu schießen und in den Timelines dieser Welt tauchten unzählige empörte Abschiedsgrüße auf, mit der Ankündigung, man werde sich jetzt aus dem sozialen Netzwerk abmelden. Und Facebook selber? Lange kam nichts, doch irgendwann gab es dann doch ein Lebenszeichen von Mark Zuckerberg, der wie ein verletzter Hund ankündigte, dass sich einiges ändern werde.

Umso erstaunlicher ist es zu lesen, was Zuckerberg jetzt in einem Interview gegenüber dem US-Magazin „Vox“ ankündigte. Betont reumütig macht er darauf aufmerksam, dass es Jahre dauern wird, bis alle Probleme bei Facebook gelöst sind – doch obwohl wir hier von einem Zeitpunkt weit in der Zukunft sprechen weiß Zuckerberg schon jetzt: Das werbefinanzierte Modell ist für Facebook überlebenswichtig. Das ist kein empörter Aufschrei. Facebook ist kostenlos, also zahlen wir mit unseren Daten. Das das Netzwerk ohne Werbung nicht überleben kann ist also durchaus verständlich. Viel mehr Sorge macht, dass Mark Zuckerberg bereits wenige Tage nach seinem kleinlauten „alles wird besser“ versprechen schon wieder darauf hinweist, dass persönliche Daten der wohl wichtigste Teil im System Facebook sind. Kurz: Er senkt jetzt schon ganz bewusst unsere Erwartungen an den Reformprozess des Konzerns. Mein Problem: Zu diesem werbefinanzierten Modell gehört aber eben nicht nur eine bunte Anzeige rechts am Bildschirmrand. Der Rattenschwanz ist viel länger: Um die Werbung möglichst teuer verkaufen zu können, werden Unmengen an Daten über jeden einzelnen Nutzer gesammelt, gespeichert und verkauft. Auch das weiß eigentlich jeder und genau das ist der Grund, warum Mark Zuckerberg bereits jetzt weiß: Ändern wird sich eigentlich nichts.

CEO von Camebrdige Analytica Alexander Nix Quelle: Von Web Summit – SAM_7378, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63967205

Zuckerberg durchläuft gerade die harte Schule des Shitstorm, aber aus der sind schon Menschen mit weniger Eiern in der Hose wieder raus gekommen. Er weiß ganz genau, das Facebook für große Teile der Gesellschaft alternativlos ist, so wie es das werbefinanzierte Modell für Facebook ist. Über die zweifelhaften Methoden, mit denen Facebook sein Geld verdient, hätten wir uns alle schon vorher aufregen können. Haben wir aber nicht! Schade, tschau! Zugegeben: Der Kern der Empörung liegt natürlich in der Tatsache, dass einer der größten Konzerne der Welt sich so leicht bestehlen lässt. Aber diese Differenzierung wurde schnell von der allgemeinen Debatte über Datensicherheit geschluckt. Kein Wunder, es ist ja auch viel befriedigender, endlich mal im gemeinsamen Chorus gegen die große Datenkrake zu schießen statt dem eigentlichen Täter, nämlich Cambrige Analytica, auf die Finger zu hauen. Blöd nur: Die Führungsetage von Facebook weiß, dass die meisten nur Platzpatronen gekauft haben. All die Empörung, die Wut und die Drohungen, sie alle verpuffen, wenn es daran geht, sich wirklich bei Facebook abzumelden. Dafür sind wir vorallem nämlich eines: viel zu Faul.

Dieser Artikel ist dabei durchaus kein Zeigefinger von oben. Ich gehöre selbst dazu. Ich besitze einen Facebook-Account. Darauf poste ich zwar nicht viel, aber das ist eigentlich egal – zumindest für Facebook. Solange ich mich nämlich nicht abmelde oder zumindest einen anderen Browser benutze, liest der blaue Konzern in aller Ruhe mit, was so in meinen anderen Taps los ist. Such ich gerade in Berlin nach einem Hotel, kann ich sicher sein, in der nächsten Woche die Berliner Hotellandschaft nur durch Online-Anzeigen besser kennenzulernen als Harvey Weinstein auf Deutschlandtour. Suche ich nach heißen Anime Girls…aber lassen wir das. Selbst gerade in diesem Moment, während ich diesen Text tippe, könnte es sein, dass Facebook schon vor allen anderen weiß, dass hier gerade ein Artikel über das Soziale Netzwerk entsteht, nur weil ich zu Faul bin mich abzumelden geschweige denn Cockies zu löschen. Noch viel Wertvoller ist für den Konzern aber die App, die nicht nur unser Surfverhalten auf dem Smartphone mitliest, sondern ebenfalls weiß, in welchem Restaurant ich heute Mittag auf Klo war. Der gläserne Mensch wird Realität. Der Wahnsinn hört allerdings nicht bei personalisierten Werbeanzeigen auf. Damit könnte ich ja noch leben. Welche extremen Auswirkungen die Sammelwut von Facebook, Google (ja auch ihr müsst mal erwähnt werden) und Co. auf unser Leben haben prophezeien zahlreiche Wissenschaftler, Politiker und Kabarettisten. Von der Krankenkasse, die unsere Beiträge individuell anpassen kann, weil sie weiß, das du letzten Sommer zu wenig Sport gemacht hast bis hin zum Onlineshop, der schon vor dem Kunden weiß, was der Kunde möchte. Rückgaberecht ausgeschlossen. Wer Lust hat, auf eine humorvolle aber auch erschreckende Weise festzustellen, in was für einer Dystopie unsere Gesellschaft enden könnte, wenn es konsequent so weitergeht, dem kann ich das Buch „Qualityland“ von Marc-Uwe Kling nur wärmstens an Herz legen (und nein, dafür wurde ich nicht bezahlt).

Was für uns ein einfacher Klick auf Abmelden wäre, ist für Facebook ein Milliardengeschäft. Es ist Facebooks Aorta und eigentlich hat niemand Bock drauf, dass die kaputt geht. Deshalb setzte Facebook alles daran, dass wir weiterhin auf der Plattform bleiben und unsere Daten hinterlassen. Phu! Jetzt erst mal durchatmen…wir sind es doch nicht selbers Schuld. Das riesige Facebook zwingt uns dazu, ihm treu zu bleiben. Diesem zwar leicht sarkastisch gemeinten Satz möchte ich aber durchaus nicht als Lüge abtun. Ein Leben ohne das soziale Netzwerk ist heute kaum noch vorstellbar: Über Kontinente hinweg können wir mit Menschen in Kontakt bleiben, wir können uns informieren, unser Wochenende Planen, Menschen mobilisieren (man denke an den arabischen Frühling) oder einfach nur die fünf Minuten bis zur nächsten Bahn totschlagen. Klingt erst mal banal, Facebook löschen kann ich aber trotzdem nicht, denn seine Macht entsteht aus seiner schieren Größe. Bestes Beispiel dafür ist unsere Redaktion: Über Facebook verbreiten wir unsere Inhalte. Wir nutzen also Facebooks Dienste – trotzdem schreibe ich hier kritisch über das Netzwerk. Ein Widerspruch? Ich finde nicht. Nur weil man etwas nutzt, heißt das ja nicht, dass man es nicht kritisieren darf, um ein besseres Produkt zu bekommen. Außerdem seid ihr ja eh auf Facebook, ob wir als Redaktion nun eine Seite haben oder nicht. Da finde ich es dann besser, sich der Debatte nicht zu entziehen und im Zweifel ein Stück weit selber zu steuern, welche Inhalte es auf der Plattform gibt.Trotzdem, einen faden Beigeschmack hat das Ganze. Schließlich tragen auch wir als Redaktion und ich als Privatperson zur Macht von Facebook bei.

Schneller als jeder andere hat das Mark Zuckerberg erkannt. Mehr Nutzer bedeuten mehr Geld und Einfluss. Er wird auch einer der ersten gewesen sein, dem bewusst war, dass es eine Art von „point of no return“ gibt: Wenn ein gewisse Zahl an Mitglieder erreicht ist, wird es verdammt schwer sein wird, sich Facebook zu entziehen. Mit 2,1 Milliarden aktiven Nutzern Ende 2017 ist dieser Punkt lange überschritten. Den sozialen Druck nutzt Mark Zuckerberg aus, um seinen Einfluss noch weiter zu steigern. Das ist der Hauptvorwurf, den ich an den Chef von Facebook richte. Ich zum Beispiel bräuchte die Facebook App nicht auf meinem Smartphone. Ich nutze sie kaum, vermissen würde ich sie nicht. Allerdings ist sie Voraussetzung dafür, dass mein Facebook Messanger funktioniert, welchen ich wiederum zur Kommunikation regelmäßig nutze. Ein unfaires Spiel seitens Facebook, wie ich finde. Und damit nicht genug. Mittlerweile gehören zahlreiche weitere Apps und Firmen zum Facebook-Universum, darunter WhatsApp und Instagram. Der Konzern streut so einen Einfluss über verschiedene Anbieter und sorgt dafür, dass er selbst Daten von Nutzern bekommt, die eigentlich nicht bei Facebook sind. Ein Prinzip wie an der Börse. Gordon Gekko hätte es nicht besser hinbekommen. Dass erfolgreich sein auch anders geht, zeigt Elon Musk.

Das heißt aber jetzt nicht, dass wir unschuldig sind. Zu so was gehören immer zwei. Es ist genau wie mit dem RTL-Nachmittagsprogramm. Irgendwie sind sich alle bewusst, dass es scheiße ist, die Quoten stimmen aber trotzdem. Warum sollte RTL also etwas ändern. Facebooks Nachmittagsprogramm besteht aus zahllosen Onlinegames, Rätseln, Protestaktionen, Persönlichkeitstests und allen vorran natürlich der „Gefällt Mir“ Button. Deshalb bin ich überzeugt: Sollten wir uns als Gesellschaft nicht dafür entscheiden, kollektiv Facebook zu verlassen, glaube ich nicht, dass der aktuelle aber auch jeder weitere Skandal dem Konzern groß schaden wird. Nach einem kollektiven Austritt sieht es derzeit aber nicht aus. Ein einziger meiner Facebook-Freunde hat diesen Schritt gewagt – Ausgang ungewiss. Was also tun? Facebook ist zu groß um es von heute auf morgen zu ignorieren. Wäre das Netzwerk eine Bank, hätte es den Status „to big to fail“. Angebote wie Ello sind zu sehr Nische, andere kosten Geld. Die Politik ist leider zu spät aufgewacht und merkt jetzt, wie schwer es ist, Gesetze gegen Konzerne durchzubringen, deren jährlicher Umsatz so groß ist wie das Bruttoinlandsprudukt mancher Nationalstaaten. Austreten? Für viele verständlicherweise ein schwerer Schritt. Glückwunsch an jeden, der es schafft. Viele sind es aber nicht. Deshalb bleibt uns eigentlich nur, den Hintern wenigstens ein bisschen hoch zu bekommen und uns wenigstens regelmäßig aus Facebook auszuloggen, in den Untiefen der Einstellungen die Datanschutzoptionen zu aktivieren,  nicht alles zu liken und kommentieren und eventuell sogar die App zu löschen. So nehmen wir Facebook wenigstens etwas Wind aus den Segeln und zwingen Mark Zuckerberg eventuell dazu, doch noch mal über sein Geschäftsmodell nachzudenken.

Ein Kommentar von Max Schlösser

 

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